Ich hab zwar ursprünglich darauf hingewiesen, daß ich das Thema
Mutant Chronicles 3rd edition von
COG-Games nicht näher erörtern möchte, inzwischen hat sich aber doch einiges dort getan und das will ich niemandem verheimlichen. Schließlich und endlich handelt es sich hier wie dort um das MC-Rollenspiel, und daher kann ich natürlich die Entwicklung nicht völlig negieren.
Voerst eines: hier handelt es sich nicht um ein offizielles Statement des W28-Teams, sondern dieses Posting spiegelt nur meine ganz persönliche Meinung wieder! Teil 1
Vieles wurde geändert - aber nicht zum besseren. Wie ich oben schon geschrieben habe, hatte ich ursprünglich angenommen, dass COG die alte MC-Welt übernimmt und lediglich die mangelhaften Regeln überarbeitet sowie (was viel wichtiger ist) die fehlenden Teile einfügt. Sprich: die Bücher zu den jeweiligen Planeten, den Background der Bruderschaft komplett überarbeitet und v.a. die fehlenden Sourcebooks zu den restlichen Aposteln rausbringt. Weit gefehlt!
Stattdessen haben es sich die Leute von COG zur Aufgabe gemacht die MC-Welt ziemlich umzukrempeln:

BAUHAUS:
wer sich die Beschreibung durchliest, muss den Eindruck erhalten, als wenn Bauhaus in Zukunft nur noch aus dekadenter Bourgeoisie und rückwärtsgewandten Kulturfetischisten besteht. Kein Wort mehr von dem Elan und dem Esprit, mit dem der Konzern entstanden ist und mit dem er auch in der jetzigen MC-Zeit sich gegen die anderen Megakonzerne behaupten kann (außer kurz in der Einleitung). Kein Wort mehr von den heroischen Großleistungen (die auch die Armee immer wieder leistet), stattdessen wird kulturelle Arroganz vorgeschoben - ein Bild wie es gerne plakativ über "das alte Europa" in die Weltöffentlichkeit gesetzt wird. Oder wie es in der Beschreibung von Capitol heißt:
Others are busy maintaining their old hollowed traditions. Ich denke, dass da einige COG-Macher ihr differenziertes Denken beiseite gelassen haben und dafür ihr eigenes (jetziges) Weltbild haben einfließen lassen.
Das führt mich auch gleich zur nächsten Megacorporation:

CAPITOL:
Hier ganz das Gegenteil: wie ich schon in einem anderen Thread geschrieben habe, ist mir aufgefallen, dass Capitol keineswegs zu den beliebtesten Megacorps gehört, sondern sich im Ranking eigentlich relativ abgeschlagen im unteren Drittel befindet - ich beziehe mich hier auf zwei Daten: die Menge an verkauften WARZONE-Figuren und die interne Umfrage (
klick hier), die COG selbst durchgeführt hat!!! Demnach zählt Capitol (ganz knapp vor Mishima) zur uninteressantesten (weil am wenigsten gespielten) Megacorp. Und trotzdem jubeln die COG-Macher neuerlich Capitol in die Höhe, als könnten sie dafür einen Preis gewinnen. Für mich zumindest völlig unverständlich.

IMPERIAL:
da hat sich zum Glück kaum was geändert. Auch wenns plötzlich eine Queen gibt (warum bitte?) und der Asteroid Belt plötzlich Phaeton Belt heißt (gibt’s da einen sinnvollen Grund?). Und die Bindung zur Bruderschaft ist anscheinend auch nimmer so stark. Soll sein….
Führt gleich weiter zu:

MISHIMA:
Für mich einer der tiefsten Einschnitte ins System. Plötzlich ist der Konzern keine gewachsene hierarchische Struktur mehr, keine strenge staatliche Ordnung, kein komplexes Feudalsystem, voll gesellschaftlicher Vielschichtigkeit, Diversität und auch höfisch-zeremoniellem Prunk (zwar ähnlich Bauhaus, aber auch so viel anders), und vor allem auch voll geschichtlichem Kontext und Bezug zur der ganzen Historie Gesamtasiens (was immer wieder gerne übersehen wird) – sondern lediglich eine mafiose Gesellschaft unter der Herrschaft von Verbrechersyndikaten.
„The origin and the pattern to Mishima are the Tongs. They control everything, but they remain unseen. That old trash collector might be a Tong member. That cab driver as well, or the rich woman in the back seat. I might be one. However, I am pretty sure you're not. The Tongs run the show, but not as the director. They are directing the director. They have always been a hidden part of Mishima and of course, when they seized power in the Quiet Revolution, no one saw the puppeteers, only the puppets. The old Lord Heirs of Mishima were too weak after the great losses in the war and could do nothing. Sure, they still run the military, but just as directors being directed.“
Nun, wer sich nur ein klein wenig mit der Geschichte Asiens beschäftigt hat (oder in der Filmgeschichte gut aufgepasst hat, da sind die Tongs auch schon mehrmals verwurstet worden), dann weiß er, was es mit denen auf sich hat:
Tongs waren ursprünglich geheime Selbsthilfegruppen, die sich dem Schutz von chinesischen Immigranten (in Amerika, Anm. d. Verf.) widmeten. Allmählich wandelten sich die Tongs in Verbrecherorganisationen, die nach strikten Regeln und mit einem eisernen Ehrenkodex funktionierten. Kennzeichen der Tongs waren ihren Auftragskiller, die ihren Opfern die jeweiligen Symbole in den Schädel ritzen. Besonders in den Jahren zwischen 1870 and 1890 kam es teilweise zu regelrechten Schlachten zwischen den Beteiligten, den Tong Wars.
(mehr Info:
klick hier ).
Ein Megakonzern, eine Gesellschaft von Milliarden von Menschen, die von Verbrechern geführt wird? Diese Vorstellung ist grenzenlos absurd und bleibt mir völlig verborgen. Was das nämlich für Konsequenzen hat, sieht man momentan ganz gut am Beispiel Italiens: Mafia, Camorra und ’Ndrangheta halten den Süden des Landes in ihrem Würgegriff und verursachen dort bürgerkriegsähnliche Zustände. Süditalien zählt (auch) auf Grund der Dominanz dieser Verbrechenssyndikate zu den ärmsten Gegenden Europas und nur mit Mühe kann der italienische Staat verhindern, dass der Süden nicht in totale Anarchie versinkt. Oder ebenso Kolumbien: sowohl die Guerilla-Gruppen als auch die Paramilitärs sind im Grunde genommen Verbrechervereinigungen (finanzieren sich beide ja aus dem Drogenanbau) und stürzen das Land seit über 40 Jahren in einen bewaffneten Konflikt. Die Bevölkerung flieht in die Großstädte und fast 50% leben unter der Armutsgrenze. In beiden Ländern gehören Korruption und Kriminalität inzwischen zum alltäglichen Leben (fast) jedes einzelnen. Und so eine Gesellschaft soll laut der (wohl etwas naiven) Vorstellungswelt der COG-Macher nicht nur funktionieren, sondern auch noch prosperieren?
„It is soon rivaling Capitol for the top slot in the business league.“ Wohl kaum.
Und jetzt kommt der allergrößte Knüller:

CYBERTRONIC:
Heißt nimmer so. Sondern SUNDIATA. Hääähhh??? Wieso die Namensänderung? Kann mir da drauf wer eine Antwort geben? Nicht wirklich. Immer wieder kommt in den Erklärungsversuchen der COG-Machern vor, dass die Bezeichnung
Cybertronic überholt wäre. Veraltet. Ach ja. Und
Capitol etwa nicht? Vor allem mit ihrer verhunzten Version der Stars & Stripes? Cybertronic wäre zu untypisch für MC und würde vom Kontext nicht hineinpassen: ich bin wahrlich nicht der größte Fan der Cybers (H. [alias Black Ice] kann ein Lied davon singen), aber inzwischen gehören sie dazu wie das Amen zum Gebet. Gerade dieser Anachronismus, diese Willkürlichkeit ist es doch, die den Zauber von Mutant Chronicles ausmacht, da treffen schwertschwingende imperiale Barbaren auf High-Tech-Warriors und Katana-tragende Samurai auf dampfbetriebene Pickelhauben-Kampfkolosse. Wüster kanns ja kaum sein. Und dann passt das plötzlich nimmer zusammen und ist überholt? Dann müßte man das für das gesamte Konzept Mutant Chronicles geltend machen. Aber genau DAS ist doch der Reiz, den MC ausmacht!
„Alles herrlich überdreht, larger than life! Es ist Dark-Horror-Steampunk-Pulp-Trash-Science-Fiction-Action-Splatter! Pures Abenteuer, destillierter Spaß!“
Nur: die Namensänderung allein ist ja noch nicht wirklich das Problem. Nein, plötzlich ist Sundiata ein Konzern, der einen starken afro-arabischen Bezug hat. Das sieht man allein schon an der Konzernbenamung:
Sundiata Keita oder Sunjata Keita (Bedeutung: Löwen-König), auch Sogolon Djata (* um 1190 in Niani, Mali; † um 1255/1260) war von ca. 1245 bis zu seinem Tod der erste legendäre König des Königreichs Mali. Er trat dem Islam bei und führte als erster den Titel des Mansa, was etwa König der Könige bedeutet.
Then an old idea of an Arabic/African-influenced megacorporation came to life again. Sundiata was born. But we did not want to use a present day take on it, just as Bauhaus isn’t a reflection of present day Europe. We took our influences from the Islamic Golden Age of Arabia, when Arabian science, technology, philosophy, Art and literature were at its peak, influencing vast areas of Europe, Africa and Asia.
Und da liegt der Hund begraben. Frage: wer will das? Bis auf wenige Ausnahmen im Forum scheints keinem wirklich zu gefallen. Und das ist das eigentliche Problem: bis jetzt war Cybertronic schon ein relativ wenig gespielter Konzern (ich beziehe mich hier wieder auf die Menge an verkauften WARZONE-Figuren und die COG-interne Umfrage), nur wenn die Umwandlung noch mehr Spieler abstößt, dann wird dieser Konzern völlig in die Bedeutungslosigkeit versinken. Wohlgemerkt: es geht um die Spieler, und nicht um die Spielleiter! Denn nur jeder gespielte Charakter hält einen Konzern am Leben, und nicht ein mitgeschlepptes Background-Element in einer Story. Sonst würde es keinen Unterschied mehr machen, ob der Konzern Cybertronic, Sundiata oder Quixi-Quaxi heißt, und arabische, malaysische oder hawaianische Wurzeln hat, denn er wäre sowieso nur eine Randerscheinung. Und jetzt wage ich einmal die Prophezeihung: wenn dieses Konzept wirklich so umgesetzt wird, dann wird Sundiata früher oder später nur noch ein belangloses und untergeordnetes Detail der MC-Story werden.
CONCLUSIO: Speed kills. Selbstüberschätzung ebenso. Nicht immer bedeutet Veränderung etwas Positives. Aber anscheinend setzt sich diese Erkenntnis immer weniger in der heutigen Zeit durch, scheint es doch so, als ob sich die schöpferischen Kräfte im täglichen Wettstreit dauernd versuchen sich mit einer immer größer werdenden Geschwindigkeit gegenseitig zu überholen – ohne zu bedenken, daß kreatives Potential, auf eine Materie reduziert, durchaus begrenzt sein kann. V.a. wenn es sich um ein Produkt handelt, das schon einen definierten Erkennungswert hat. Mich erinnert das ganze an einen Musiker, der seinen Stil dauernd ändert um sich wieder neu zu erfinden. Das kann gut gehen: z.B. die Beatles oder auch Metallica. Oder Madonna. Aber ebenso leicht kann es in die Hosen gehen: siehe David Bowie. Oder Billy Idol. Oder KISS. Die größte Gruppe an erfolgreichen Musikern macht etwas recht einfaches: sie bleiben konsequent bei dem, was sie können. Und sie sind damit die Regel – die, die sich erfolgreich ändern, sind die Ausnahme.
Ich hatte mir eigentlich erwartet und gewünscht, daß sich die COG-Macher mit ihrem Publikum (das es schließlich schon gibt, sie erfinden MC ja nicht neu) klar und deutlich auseinandersetzen. Doch das ist nicht (oder zumindest nur in geringem Maße) geschehen. Kritische Stimmen wurden entweder gänzlich negiert oder totargumentiert. Wenn ich mir das Forum durchlese, so hab zumindest ich den Eindruck, daß dort nur noch zwei Arten von Lesern posten: entweder Claqueure, die sowieso alles hochjubeln was COG rausbringt, oder die eigenen Moderatoren. Und jeder, der nicht in den jubilierenden Hochgesang miteinstimmt, wird nach dem Motto abgewürgt: „Wenn’s dir nicht paßt, kannst du ja gehen“ (nur kurz zur Erklärung: ich kenne weder Gediman noch sonst einen anderen Poster, noch habe ich seit Monaten selbst in dem Forum etwas gepostet – doch ich kann ihre Einstellung nachvollziehen).
In conclusion I would state the following: If you would like nothing changed to MC play old MC. If you want a deeper, more horrifying, more war ridden, wider world to play in without anything significant taken out -new MC is going to blow your sock right off.
Not exatly champion of new ideas are you Gediman. I've said it before- you are probably best served by sticking to old MC.
Also, zu behaupten daß sich nichts Signifikantes ändern würde, ist purer Hohn. So ziemlich alles wurde signifikant geändert. Und wo diese „more horrifying, more war ridden, wider world“ sein soll, hab ich auch noch nicht herausgefunden. Wie ich schon oben gesagt habe: ich hätte nichts gegen einige kleinere Änderungen gehabt. Wichtig wären mir in erster Linie Regelkorrekturen und Erweiterungen gewesen. Aber eine so gravierende Änderung des Backgrounds möchte und kann ich nicht kommentarlos hinnehmen.
Mein persönlicher Schluß aus dem Ganzen? Ich werde mich an den Ratschlag von Joakim Ohlsson halten: ich bleib beim alten MC.
Teil 2 folgt in Kürze....